Ticos
— ein eigenes Völkchen (Teil 2) 10

Hallo Freunde des geliebten Austauschsports,
man lernt ja nie aus und deswegen gibt es natürlich auch immer Neues zu entdecken, in diesem Falle wieder ein bisschen was zu den Ticos! Und diesmal geht es um zwei Themen, die fast nicht unterschiedlicher sein könnten: Glauben und Fiestas.
Viel Spaß beim Lesen!

Religion, oder besser: Glauben

Fast alle Ticos sind gläubig, das heißt 99,9% aller Menschen hier, und sie sind eigentlich alle katholische Christen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie jeden Sonntag in die Kirche gehen, nein, aber sie glauben alle an Gott – und die Jungfrau, das sagen sie immer dazu.
Glauben ist und war schon immer ein heikles Thema, das zeigen ja genug Beispiele, die jetzt hier nicht hingehören, auch hier ist es so. Ich habe eine Freundin hier gefragt, ob sie glaubt, sie meinte: „Logisch, du etwa nicht?“
Wahrheitsgemäß habe ich geantwortet: „Nein, ich gehe nicht in die Kirche und glaube auch nicht an Gott.“ Die ganze Klasse hatte das irgendwie mitbekommen, denn plötzlich war es still und 17 entsetze Schüler und ein überraschter Lehrer schauen mich an.
Nicht in die Kirche gehen ist hier nicht schlimm, aber nicht an Gott glauben ist hier wirklich etwas Unmögliches.
Als ich wenig später jemand gefragt habe, warum er glaubt, wurde ich als Ketzer beschimpft und dass ich seinen Glauben nicht respektieren würde.
Ich respektiere es, wenn man an Gott glaubt oder sonst irgendwas glaubt, ich habe gar nichts dagegen, ich kann nur nicht an ihn glauben, Punkt. Erst durch die Hilfe der Amerikanerin aus der Klasse konnte ich das klarstellen, da mein Spanisch dafür niemals ausgereicht hätte.

Ich fand es ziemlich krass wie empfindlich man hier ist, wenn man auf seinen Glauben angesprochen wird, aber das sind auch Erfahrungen, die man machen muss, glaube ich.

Ein viel angenehmeres Beispiel war meine Gast-Oma. Sie fragte mich, ob ich gläubig bin, als ich mit nein antwortete war sie zwar überrascht, aber es hat sie nicht gestört, im Gegenteil, sie war interessiert wie das so ist nicht die Gewissheit und die Erkenntnis von Gott zu haben, und ob es in Deutschland viele Ungläubige gibt.
So ist das doch deutlich angenehmer!

Fiesta time!

Man ist zwar streng gläubig, feiert aber Feiern die unchristlicher nicht sein könnten.
Die so genannte Doppelmoral kommt hier schön zum Vorschein.

Aber jetzt erstmal das Grundlegende:
Eine Fiesta besteht IMMER, egal was gefeiert wird, aus der Familie, das heißt auch die entfernte Verwandtschaft ist dabei.
Dazu kommen die Freunde, Eltern der Freunde, Freunde der Freunde und so weiter, man mietet für Feiern meistens eine Partyhalle, von denen es entsprechend viele gibt oder man feiert irgendwo in der Natur.

Erst wenn alle da sind, wird ganz entspannt ein bisschen was gegessen, dann was getrunken und dann wird getanzt. Das heißt erstmal Salsa, Tango und noch fünf andere Standardtänze, die hier üblich sind, und dann so gegen 22 Uhr wird die Musik geändert und es wird anders getanzt. wie genau ist schwer zu erklären, es ist eine Art geordnetes Kuddelmuddel. Ich kann bisher nicht durchblicken wie das geht, wenn ich’s kann, werde ich euch das natürlich ausführlich erklären.
Bis zu diesem Zeitpunkt ist es allerdings in der Halle schon so heiß geworden, dass aus dem Schweiß der Leute es möglich wäre, den Amazonas zu speisen.
Das feiern macht hier richtig Spaß, und vor allem ist eigentlich jedes Wochenende eine Feier, und oft auch unter der Woche, aus irgendwelchen Gründen… Hauptsache feiern, das gehört wohl zum Motto „Pura Vida“ dazu!

Auch das hier bedarf nochmal einer Fortsetzung (Teil 1 zu den Ticos ist hier),
was wünscht ihr euch sonst noch so?
Schreibt’s mir doch mal!
Bis bald!

Pura Vida! :*

10 Kommentar(e)

  1. Kirsten

    „Was wünscht ihr euch noch so?“ hast du gefragt.
    Alltägliches, Familie, Schule, wo du bist, was ist in CR so ganz anders, wie du dich fühlst nach 3 Wochen, einen Spanisch-Kurs, Rezepte … und Fotos ;-)
    Aber du hast ja noch ein bisschen Zeit!

  2. Thilo Franz

    Hallo Timo,

    Leider wird gerade in Süd- und Mittelamerika noch immer der Katholizismus als einzig wahre Religion gelehrt. Deine Mitschüler habe das so gelernt und kennen auch nichts anderes, es gibt ja nur Katholiken dort. Das gehört auch zu diesm Kulturkreis. An deiner Gastoma kannst du erkennen, dass es wohl auch Erfahrung braucht um Toleranz gegenüber Andersgläubigen zu entwickeln. Mein Tip: halte dich am Besten aus solchen Diskussionen raus, die haben den Katholizismus als einzige wahre Religon bereits als kleine Kinder gelehrt bekommen und kennen es einfach nichts anderes. Da darfst du Ihnen keinen Vorwurf machen, auch wenn es befremdlich wirkt.

    • Timo

      Danke,
      ja ist halt alles so, und ich mache auch niemanden irgendwelche Vorwürfe ;)

      • Wolfgang Eller

        Hallo Timo,
        Toleranz ist ein fundamentaler Baustein unserer Demokratie, auch gegenüber Andersgläubigen bzw. Religionen. An Deiner Stelle würde ich dieses Thema aus dieser Ecke mit den Ticos diskutieren, denn unser Grundgesetz ist beispielhaft und in aller Welt geschätzt und respektiert. Es bricht keinem (Tico) einen Zacken aus der Krone, wenn er sich diesem (heiklen) Thema aus der Sichtweise der Toleranz nähert.
        Liebe Grüße, Wolfgang

  3. günter

    Hi Timo,
    Es ist sehr zu hoffen, dass Deine Gast-Oma nicht die einzige bleibt, die Verständnis zeigt. Toleranz ist vielen vermeintlich Gutgläubigen eine Fremdeigenschaft.
    Wir stehen vor, hinter und zu Dir. O&O ☺

    • Timo

      Ja das hoffe ich auch,
      ich bin ja gerademal einen knappen Monat hier! ;)

  4. Malte

    Sauber Timo :D Ich finde das echt cool wie viel arbeit du hier reinsteckst und wie du das ganze hier aufgebaut hast ;) Respekt…… naja viel spaß noch und man sieht sich aufm nächsten camp ;)

    • Timo

      Danke Malte,
      aber der dank geht auch direkt weiter an meine Mutter, die sich so toll um die Website kümmert! :)
      Schön dass es dir gefällt!
      jo, bis dahin ;)

      • Kirsten

        Danke, Timo – ich hab dir „nur“ den Rahmen aufgesetzt, für die Inhalte bist allein du zuständig – und das machst du wirklich interessant!

        • Frank

          Das Lob ist bei Euch beiden richtig aufgehoben…
          Ja, das Glauben, das ist ein breites Thema. Wie fast alles im Verhalten des Sozialtiers „Mensch“ entwickelt sich auch Glaube in der Sehnsucht nach Identifikation. Daraus entstehen Gruppen, und die verteidigen ihre gemeinschaftliche Identität, weil ihnen das Schutz verspricht. Dass Glaube bzgl. der Identitätsentwicklung ja eigentlich genau in die andere Richtung zielt, dessen sind sich die meisten „Gläubigen“ gar nicht bewusst.

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