Kleine Geschichtenerzählstunde 4

Das hier ist heute mal was ganz neues hier, es ist kein normaler Blogeintrag, es ist, wie der Name schon sagt eine Geschichte, verknüpft mit meinem Auslandsjahr logischerweise…
Sagt doch mal, was ihr davon haltet, ob ich das weiterführen soll oder ob es euch keinen Spaß macht, das zu lesen; ich wollte es einfach unbedingt mal machen!
Ich werde nicht die Realität erzählen, sondern eine andere Geschichte, basierend auf Eindrücken und Gedanken aus meinem bisherigen Aufenthalt — der Erzähler und seine Beziehungen zu seiner Familie sind nicht real!

Leaving on a Jet Plane

„Because I’m leaving on a jet plane, don’t know when I’ll be back again…!“ — Dieses Lied ging mir durch den Kopf als ich den Flughafen betrat, ich kam mir vor wie Bruce Willis in „Amargeddon“ als er das Raumschiff betritt, eine ungewisse Reise in ein unbekanntes Universum — gut, nur ich musste keine Welt retten, aber das Gefühl war bestimmt ähnlich.

Ich hatte meine Familie schon vor der Tür verabschiedet, ich wollte sie nicht mehr sehen. Meine Eltern waren nur am streiten über den schlauesten Rückweg, da ja jetzt der Berufsverkehr anfing; es hatte sie nicht im Geringsten interessiert, dass ich ja jetzt ging! Meine Schwester schlief im Auto, also fiel sie auch weg, niemand verabschiedete sich, ich war allein.
Ich war oft allein gewesen. Da meine Eltern sich nicht kümmerten, war ich „frei“. Alle mit „normalen“ Eltern würden jetzt sagen: „Hey das ist doch voll genial, ich würde soo viel machen…!“ Ja, aber nach 10 Jahren (ich ziehe mal die ersten fünf Jahre meines Lebens ab, weil man da recht wenig Ahnung hat, WAS man wirklich macht) machen was man will, hat man alles gemacht, was man will und wünscht sich manchmal doch die Eltern, die sich um einen kümmern.

Aus meinen Gedanken gerissen wurde ich von einem Polizisten am Sicherheitscheck, gegen den ich einfach auf nichts achtend gerannt war. Er sah mich an wie Gandalf, in seinen Augen die Worte: „Du kannst nicht vorbei!“ Ich schüttelte meinen Kopf um diesen Gedanken loszuwerden, und murmelte leise: „Sorry.“
Also lief ich links an ihm vorbei in den Eingang des Sicherheitschecks, der Eingang in ein anderes Leben, in etwas Neues, Unbekanntes.
Ich sah Eltern mit kleinen Kindern, die wohl in den Urlaub fahren würden, Geschäftsleute mit Aktenkoffern in edlen Anzügen, Junggesellenabschiede in rosa T-Shirts. Alles zog einfach an mir vorbei, meine Zeit schien langsamer zu laufen als die des Flughafens, so musste es sich anfühlen, alt zu sein, ich bewegte mich langsam und träge, ich hörte nichts mehr und sah noch weniger. Gedankenverloren legte ich mein Handgepäck auf das Band und ging durch den Metallscanner.
Natürlich piepste er. Immer ich.
Der junge, übereifrige Polizist, der mich kontrollierte lächelte mich an und redete etwas, ich hörte ihn gar nicht. Erst als er mich antippte und zu meinem Handgepäck wies, kam ich wieder halbwegs zu mir. Ich nahm es, und jetzt gab es kein Zurück mehr.
Ich habe noch nie jemand gesehen, der nach dem Sicherheitscheck zurückrannte und nach seiner vermutlich schon weggefahrenen Familie schrie.
Nein, es gab kein Zurück, und das war glaube ich gut so.

Ich interessierte mich nicht für Duty free shopping, also ging ich gleich zum Gate.
Das Boarding hatte schon begonnen, ich war so ziemlich der letzte.
Der Gang zum Flugzeug kam mir viel länger vor als sonst, die Knautschwellen bildeten eine seltsame optische Täuschung.
Ich betrat den Metallvogel, eine Frau nahm mir die Karte ab und sagte: „Ganz hinten, wir haben schon auf dich gewartet!“
Als der Vorhang zu den Sitzplätzen geöffnet wurde, sahen mir schon gut 300 Augenpaare entgegen, scheinbar hatte man wirklich auf mich gewartet.
Langsam, Augenpaar für Augenpaar bewegte ich mich an meinen Platz.
Als ich saß, kam sofort die Ansage des Kapitäns, dass es jetzt losgehen sollte.

Das Ende des Alten ist der Anfang des Neuen.

Zur Sicherheit nochmal wie ganz oben der Hinweis: der Inhalt der Geschichte, Charakter und Familienbeziehungen sind frei erfunden! Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass meine Familienbeziehungen in irgendeiner Weise so sind wie die hier erzählten!!!!! Und fast zu spät ins Flugzeug bin ich auch nicht gekommen!

4 Kommentar(e)

  1. Wolfgang Eller

    Hallo Timo,
    würde gerne hinter den „Freud’schen“ Vorhang schauen, um die wahren Beweggründe für diese „fiktive“ Geschichte kennenzulernen. Die Realität war schon so manchmal der „Treiber“ für gute Literatur. Bin gespannt auf die Fortsetzung.
    Liebe Grüße, Wolfgang

  2. Frank

    Finde ich eine gute Idee, Deine Eindrücke so zu verarbeiten. Ist eine gute Übung und macht Spaß zu lesen.
    Auf „Leaving on a jet plane“ bin ich im übrigen auch erst so richtig durch „Armageddon“ aufmerksam geworden, dürfte wohl inzwischen einer der Songs sein, die ich am häufigsten bei Singalong-Events spiele.

  3. günter

    Hey, laß Deine Gedanken ruhig weiter galoppieren und leg sie schriftlich nieder – wenn’s Dir danach ist. So sind manch‘ literarische Werke entstanden.
    An manchen Stellen schimmert die reale Welt immer durch – auch wenn Handlung und Personen frei erfunden sind.

  4. Kirsten

    Zum Glück hat Timo geschrieben, dass diese Geschichte, der Erzähler und seine Beziehungen zu seiner Familie NICHT REAL sind!
    „Fiktive“, gerne auch wahre Geschichten kannst Du gerne mehr in Deinem Blog schreiben.

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